“Für ‘nen Sechser Kuchenkrümel...”

Backtradtition im Wedding - Eine kleine Chronik


80 Jahre Rateitschak - die Geschichte des Familienbetriebes ist eng mit dem Wedding und seinen Bewohnern verbunden. Die Leute kennen den Bäcker in der Müllerstr. 95, denn ob Kuchen oder Brötchen - die handwerkliche Tradition und die Liebe zum Beruf haben sich hier bis heute erhalten. Leicht war es nicht immer, aber 80 Jahre Bäckerei und Konditorei in Familienhand sind auch ein Grund stolz zu sein und entsprechend zu feiern.

Die Ursprünge führen in den Prenzlauer Berg, wo Oskar Rateitschak, 28jährig, sein erstes Geschäft eröffnete. Es war der 15. November 1919, als seine kleine Feinbäckerei in der Kopenhagener Straße (Nähe Schönhauser Allee) die Pforten öffnete.

 


 

Eine Bäckermamsell (seine Ehefrau Helene) verkaufte die ersten 1000 Schrippen und Streuselschnecken: "Vier Schrippen, bitte sehr, das macht einen Groschen, eine Schnecke 'n Sechser." Das freundliche Lächeln gab's gratis.

Vom Laden, der vorn zur Straße rausging, kam man in die Wohnung - ein Zimmer mit Küche. Die Backstube selbst befand sich im Quergebäude. Oskar war als Bäckermeister aus der Provinz Posen nach Berlin gekommen, um hier das Konditorhandwerk zu erlernen. Er war ein kräftiger Mann. Das mußte er auch, wie anders sollte er sonst die 100-Kilo-Säcke mit Mehl oder Kohlen in die Backstube schleppen oder den Teig auf zahllosen Blechen mit dem Nudelholz ausrollen.
Das Geschäft ging gut. Im April 1920 stellte er bereits seinen ersten Lehrling ein, der ihn bei der Arbeit behilflich war. Die Inflationszeit - ein Brot kostete damals 1 Billion M - überstand die Bäckerei ohne großen Schaden. Jeden Abend nach Kassenschluß wurden die Säcke voller Papiergeld gegen Mehl- und Kohlensäcke getauscht, da die Scheine am Abend nur noch die Hälfte Wert waren

Im Jahre 1930 endlich gelang es Oskar und Helene ein neues Geschäft im Wedding einzurichten. Es war Teil des Wohngebietes Müllerstr., welches gerade gebaut wurde. Neben dem Laden gab es eine kleine Caféstube; ein neuer moderner Ofen mit Seitenfeuerung erlaubte eine bessere Hitzeregulierung und damit effektivere Auslastung. Das alte Geschäft in der Kopenhagener Str. war zu klein geworden. Oskars Team war inzwischen auf 7 Mitarbeiter angewachsen, hinzu kamen zwei Verkaufs- und zwei Bäckerlehrlinge.

Im Jahre 1938 trat Walter Rateitschak, der Älteste der zwei mittlerweile erwachsenen Söhne im Alter von 23 Jahren in die Firma ein, er hatte bei seinem Vater Bäcker und Konditor gelernt.

 

Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs 1939 jedoch war ein tiefer Einschnitt für die Familie und die Bäckerei. Während die Söhne in der Wehrmacht dienten, mußte Vater Oskar - mittlerweile 48 Jahre alt -das Geschäft allein über die Wirren der Zeit bringen. 1944 wurden das Wohnhaus und der Betrieb stark beschädigt, es gab Mehl auf Zuteilung und die Zahl der Bäckereien wurde durch die Besatzungsmacht reglementiert.



Während der Berlin Blockade wurde kräftig improvisiert: Eipulver kam aus Amerika, kanadischen Ahornsirup verwendete man zum Süßen, aus Rindertalg machte man Fettersatzstoffe und die Marmelade kochte man vom Obst aus dem eigenem Garten.

Glücklicherweise kehrten die zwei Rateitschak-Söhne unversehrt aus dem Krieg zurück. Kurze Zeit später übernahm Sohn Walter mit seiner Frau Margarete das Geschäft. Das Leben normalisierte sich, die Läden wurden voller und es gab viel Arbeit. So auch in Rateitschaks Bäckerei. Am Freitag und Sonnabend war es immer besonders hektisch. Für 50Pfennig brachten die Hausfrauen ihren selbst zubereiteten Blechkuchen zum Abbacken. Oder Kleingärtner Schulze aus der gegenüberliegenden Kolonie brachte einen halben Zentner Pflaumen für den Blechkuchen zu seiner Gartenparty. Die Ränder und Krümel der Bleche waren eine erschwingliche Nascherei für die Kinder, die sie "für 'nen Sechser Kuchenkrümel" gern mitnahmen.